Museum Ludwig Blog

4. Oktober 2018

Canonical Silences: Bringing the World in to the Exhibition Space

Im Museum Ludwig ist eine der wichtigsten Sammlungen US-amerikanischer moderner und zeitgenössischer Kunst außerhalb der USA beheimatet, wodurch das Museum eine einzigartige Position im Diskurs über die moderne und zeitgenössische Kunst der USA inne hat: Die Sammlung umfasst Werke von Künstler*innen, die als richtungsweisend für die Entwicklung der Kunst seit der Mitte des 20. Jahrhunderts verstanden werden. Die Liste der Künstler*innen liest sich wie ein Who’s who der Kunst des 20. Jahrhunderts: Da sind die Superstars der Pop Art Andy Warhol, Roy Lichtenstein und James Rosenquist, die Abstrakten Expressionisten Jackson Pollock und Barnett Newman, gefolgt von den Color Field Malern Mark Rothko und Kenneth Noland und den Pionieren der Konzept- und Medienkunst Joseph Kosuth, Carl Andre und Bruce Nauman. Auch Robert Rauschenberg, Jasper Johns, Ed Ruscha oder Donald Judd sind vertreten. Jeder von ihnen gilt als wegweisend für eine bestimmte Bewegung oder einen bestimmten Stil und sie zählen zu den wichtigsten und einflussreichsten Künstlern des vergangenen Jahrhunderts. Unser Verständnis dieser fast ausschließlich männlichen Künstler und ihrer Werke wurde wiederum von ebenfalls weißen und männlichen Kritikern und Kunsthistorikern wie Clement Greenberg oder Harold Rosenberg1 geformt, die den Schwerpunkt auf die ästhetischen und formalen Eigenschaften des Werks legten. Sie alle haben unser heutiges Verständnis von Kunst und des Kanons der US-amerikanischen Kunst des 20. Jahrhunderts nachhaltig geprägt.

Die Gründung des Museum Ludwig wurde durch die Schenkung eines Teiles der Sammlung von Peter und Irene Ludwig möglich gemacht. Das Sammler-Ehepaar gehörte in Deutschland zu den ersten, die in den Jahrzehnten unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg Kunst aus den Vereinigten Staaten sammelten. Die Nachkriegszeit läutete in Europa eine Phase ein, in der die US-amerikanische Kunst und Kultur sich immer größerer Beliebtheit erfreute und die kulturelle Szene zu beherrschen begann. Durch ihre Aktivitäten als Sammler waren die Ludwigs ein Teil dieser Entwicklung. Doch das Bild der Kunst, das sich hieraus ergab und das bis heute die Vorstellung der US-Kunst in Europa prägt, konzentriert sich auf die Identität des weißen männlichen Künstlers und auf Aspekte von Form und Ästhetik. So werden Künstlerinnen, Artists of Color und all diejenigen, die nicht den von dieser Vorstellung perpetuierten heteronormativen Standards gerecht werden, in die zweite Reihe gedrängt. Zudem werden so oft die historischen und politischen Bedingungen sowie die gesellschaftlichen Umbrüche und Veränderungen des 20. Jahrhunderts, die bis heute einen Einfluss auf Kultur und Gesellschaft beiderseits des Atlantik haben, ausser acht gelassen.

Dies ist der Ausgangspunkt für das Projekt mit dem Titel Mapping the Collection. Im Mittelpunkt des Projekts steht die Re-Evualierung der vor 1980 entstandenen Kunstwerke US-amerikanischer Künstler*innen in der Sammlung des Museum Ludwig aus einer von postkolonialen, feministischen oder queeren Diskursen beeinflussten Perspektive. Mapping the Collection nimmt die Sammlung, die in ihr vertretenen Kunstwerke und Künstler*innen, ihre Geschichte und Entwicklung in den Blick und macht die weißen Stellen auf der Landkarte der Sammlung und in ihrer bisherigen Präsentation kenntlich und bezieht auch die sozialen, politischen und historischen Bedingungen mit ein, unter denen die Künstler*innen gearbeitet haben. So verschiebt sich der Fokus der Rezeption hin zu einem vielfältigeren und facettenreicheren Bild von Kunst und Gesellschaft der Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg, welcher den Einfluss von weiblichen Künstlern, Artists of Color und queeren Künstler*innen bei der Einführung neuer Bewegungen und Stile miteinbezieht. Dieses „Gegen-den-Strich-Lesen“ (counter-reading)2 der Sammlung stellt Narrative in den Mittelpunkt, die vor allem in Europa oftmals an den Rand gedrängt werden. Durch diese Herangehensweise werden Sammlung und Präsentation um neue Kontext-Schichten erweitert, neues Wissen für zukünftigen Forschung und Ausstellungen erzeugt und auch das Profil des Museums als ein Ort für Forschung und Diskussion gestärkt. Gleichzeitig unterstreicht das Projekt die Rolle des Museums im Kontext der Diskussionen innerhalb der deutschen und US-amerikanischen Kulturszene zur Bedeutung des Kunstkanons und der Rolle des Museums im 21. Jahrhundert. Für Besucher wiederum kann dies ein neuen Zugang zu Kunst, zur Sammlung und zum Museum überhaupt öffnen. All dies wird vor allem in Hinblick auf die gesellschaftlichen Veränderungen in Deutschland als auch in den Vereinigten Staaten und des Erstarken des Rechtspopulismus auf beiden Seiten des Atlantik immer wichtiger.

Ziel ist nicht, den vertrauten Geschichten jegliche Beachtung oder die Bedeutung zu entziehen, sondern aufzuzeigen, dass es mehrere Wege gibt, sich einem Kunstwerk zu nähern, es zu verstehen oder zu betrachten, und dass Geschichte(n) auf ganz unterschiedliche Weise erzählt werden können. Jedoch erzählen wir – Museen, Kunstkritiker*innen, Kunsthistoriker*innen und andere – wieder und wieder die gleichen Geschichten und bestätigen so altbekannte Narrative. Gerade deshalb müssen wir uns umso mehr bemühen, diesen „neuen“ Geschichten ebenso viel Raum und Aufmerksamkeit zu geben. Mit den Worten von Brian O’Doherty und Robert Smithson: So bringen wir die Welt zurück in den Ausstellungsraum.

Der Kunstkanon, auf dem die Erzählung der Kunstgeschichte aufbaut, war nie ein festes Konzept, sondern immer in Bewegung, mit durchlässigen und leicht zu verschiebenden Grenzen und in den letzten Jahrzehnten wurde seine Bedeutung von unterschiedlichen Positionen aus in Frage gestellt. Dennoch besteht sein Einfluss fort – dies ist daran zu erkennen, wie über Kunst gesprochen und wie Kunstgeschichte gelehrt wird –, er bestimmt weiterhin unser Verständnis dessen, was kunstgeschichtlich bedeutsam ist und beeinflusst Museumssammlungen sowie Präsentationsformen.3 Feministische Kunstkritikerinnen der 1970er-Jahre4 waren die ersten, die den Kanon in Frage stellten und fragten weshalb so wenige weibliche Künstlerinnen in Museum und Sammlungen vertreten waren. Diese Kritik wurde von Künstler*innen erweitert , die sich auf die Diskurse rund um Postkolonialismus, Dekolonisierung und Gender5 der frühen 1990er-Jahren beriefen und die mangelnde Repräsentation von Artists of Color, queeren Künstler*innen sowie Frauen innerhalb der Kulturinstitutionen des Westens thematisierten. Sie trugen zur Etablierung von Gegen-Diskursen bei, die ein Gegengewicht zur Dominanz des weißen Mannes aus dem Westen innerhalb von Kunst und Kultur setzten. Indem sie ihre Geschichten erzählten, die Geschichten von Artists of Color, von queeren Künstler*innen oder von Künstlerinnen, gaben sie denen eine Stimme, die in der Erzählung der modernen und zeitgenössischen Kunstgeschichte oft ignoriert worden sind und stellten gleichzeitig die Gültigkeit von etablierten formalen und ästhetischen Kategorien in Frage. Begleitet wurden diese Entwicklung von Diskussionen, die sich der Rolle und Funktion des Museums innerhalb der Gesellschaft zuwandten – Debatten, die zum Teil von den Institutionen selbst angestoßen wurden6, und nicht nur fragten wer in den Kulturinstitutionen vertreten ist, sondern auch wie. Mapping the Collection knüpft an diese Diskurse an, die in Deutschland gerade erst im Entstehen sind in dem es ein besonderes Augenmerk auf die US-amerikanischen Künstler und Werke der Sammlung wirft, die vor 1980 entstanden sind. Dies verdeutlicht auch wie wichtig es gerade heute für deutsche Kulturinstitutionen ist, die Art und Weise wie sie sich darstellen, wie sie ihre gesellschaftliche Funktion verstehen, wie sie mit ihrer Sammlung umgehen und wie sie sich in die sie umgebenden Communities einbringen, zu hinterfragen.

 

Ebenen des Einsatzes
Das Projekt wird sich auf drei Ebenen entfalten: Die erste Ebene ist die Forschung innerhalb und außerhalb des Museums; von ihr wird auf diesem Blog berichtet werden. Dies umfasst Analysen bestimmter Kunstbewegungen, Kunstwerke oder künstlerischer Praktiken ebenso wie die historischen, sozialen und politischen Umstände, unter denen sie entstanden sind. Der Blog wird auch einen Blick auf Aktivitäten der Künstler werfen, die nicht unbedingt im Bereich des Kunstschaffen liegen, z.B. ihre Alltagsjobs oder ihr soziales oder politisches Engagement.

Die zweite Ebene, besteht aus einer Re-Kontextualisierung der Sammlungspräsentation in Form von schriftlichen und visuellen Kommentaren ausgehend von diesen Forschungsergebnissen. Der Blog und die Re-Kontextualisierung geben zudem beide einen Einblick in die Museumsarbeit und zeigen wie eine Sammlung entwickelt und präsentiert wird, aber auch wie akademische Forschung und „praktische“ Museumsarbeit Hand in Hand gehen. Die Re-Kontextualisierung bringt abstrakte Konzepte und Ideen zusammen und macht diese sichtbar. Auch Besucher erhalten so eine Vorstellung davon, wie Künstler*innen ihre Arbeiten entwickelten und umsetzten, zeigt aber auch wie sie von anderen Künstlern, den Medien, Kultur, Politik und Geschichte, ihrer persönlichen als auch der kollektiven beeinflusst wurden. Die Ergänzung von Archivmaterial, etwa historischen Aufzeichnungen, Fotografien oder persönlichen Dokumenten, stellt die Kunstwerke wieder in den größeren Zusammenhang, dem sie mit Aufnahme in die Sammlung entnommen wurden.

Die Rezeption der US-amerikanischen Kunst und Kultur im Nachkriegsdeutschland wird eines der Themen sein, die auf einer Konferenz thematisiert werden sollen. Diese dritte Ebene bringt Wissenschaftler*nnen, Kurator*nnen und Künstler*innen aus Deutschland, den Vereinigten Staaten und anderen Ländern zusammen um über die US-amerikanische Kunst bis 1980, ihre Rezeption und ihren Einfluss zu diskutieren und sich auszutauschen. Auch das Archiv, dessen Rolle innerhalb der Kunstgeschichte und die Möglichkeiten der Nutzung dessen im Ausstellungskontext soll Thema sein. Die Frage wie sich Kulturinstitutionen im 21. Jahrhundert in die verschiedenen Communities, die sie repräsentieren sollen, produktiv einbringen können, so dass diese sich anerkannt fühlen und langfristige Beziehungen entstehen soll ebenfalls nachgegangen werden.

Das Ziel ist nicht, definitive Antworten zu geben, sondern einen Raum zu schaffen, wo diese Themen diskutiert und reflektiert werden können. Auch soll eine Sicht auf die amerikanische Kunst bis 1980 ermöglicht werden, die stärker mit der Realität übereinstimmt, in der die Künstler*innen lebten. So können, ohne die Mythologisierung der bekannten Kunstgeschichtsnarrative weiterhin zu bestätigen, Parallelen zwischen Vergangenheit und Gegenwart gezogen werden. Vor allem aber stellt ein solcher Ansatz die Ansprüche der universellen Repräsentation in Frage, die viele im Museum und seinen Sammlungen repräsentiert sehen.

 

Literatur
Assmann, Aleida. „Canon and Archive“. Cultural Memory Studies – An International and Interdisciplinary Handbook. Hgg. von Astrid Erll und Ansgar Nünning. Walter de Gruyter, 2008.
Doherty, Claire. „The institution is dead! Long live the institution! Contemporary Art and New Institutionalism“. engage, Sommer 2004, S. 6–13.
Ferguson, Bruce W. und Reesa Greenberg (Hgg.). Thinking about Exhibitions. Taylor & Francis, 1996.
Filipovic, Elena, Marieke Van Hal und Solveig Ovsted (Hgg.). The Biennial Reader. Hatje Cantz, 2010.
Foster, Hal. Return of the Real. MIT Press, 1996.
Iskin, Ruth (Hg.). Re-Envisioning the Contemporary Art Canon – Perspectives in a Global World. Routledge, 2016.
Jones, Amelia. A Companion to American Art since 1945. Wiley-Blackwell, 2006.
Kaprow, Allan. Essays on the Blurring Between Art and Life. University of California Press, 2003.
Krauss, Rosalind. Originality of the Avant-Garde and other Modernist Myths. MIT Press, 1986.
Möntmann, Nina (Hg.). Art and Its Institutions. Black Dog Publishing, 2006.
O’Doherty, Brian. Inside the White Cube: The Ideology of the Gallery Space. University of California Press, 2004.
Rebentisch, Juliane. Theorien der Gegenwartskunst. Junius, 2015.
Smith, Terry (Hg.). Antinomies of Art and Culture. Duke University Press Books, 2009.
Smithson, Robert. „Cultural Confinement“. The Writings of Robert Smithson, hg. von Nancy Holt, New York University Press, 1979.
Verwoert, Jan. „Research and Display: Transformation of the Documentary Practice in Recent Art“. The Green Room: Reconsidering the Documentary and Contemporary Art. Hgg. von Maria Lind und Hito Steyerl. Sternberg Press, 2008.

 

 

  1. Etwa haben Greenberg und Rosenberg beide die US-amerikanische Kunst, insbesondere den Abstrakten Expressionissmus als neue einflussreiche Bewegung innerhalb der westlichen Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg gefördert, aber die Frauen, die in dieser Tradition arbeiteten – so Elaine de Kooning, Lee Krasner oder Perle Fine – fast gar nicht erwähnt.
  2. Das Konzept der Gegen-den-StrichLesen (counter-reading) ist hier der Literaturtheorie entlehnt. Damit ist weder eine Zurückweisung der bekannten Kunstgeschichte gemeint, noch soll damit behauptet werden, dass das, was wir wissen, falsch sei. Die „Anreicherung“ mit verdrängten Geschichten wird vielmehr den Rahmen des bisherigen Narrativs erweitern und stellt den Anspruch auf Allgemeingültigkeit in Frage.
  3. Iskin, S. 9.
  4. Einige Beispiele hierfür wären: Linda Nochlins Essay „Why Are There No Great Women Artists“ (1971, in: Woman in Sexist Society, hg. von Vivian Gornick und Barbara Moran), die Schriften von Lucy Lippard sowie Faith Ringgolds Kunst und ihr Engagement in der Black Emergency Cultural Coalition innerhalb der Art Worker’s Coalition.
  5. Edward Saids Buch Orientalismus(1978), Gayatri Spivaks Essay „Can the Subaltern Speak“ (1993) oder Judith Butlers Das Unbehagen der Geschlechter (1990) sind einige wichtige Beispiele.
  6. Beispiele dafür wären die Arbeit von Fred Wilson oder Renée Green, Douglas Crimps Essay „On the Museum’s Ruins“ (1980) oder die Entwicklung des Neuen Institutionalismus, den Nina Möntmann als eine „kuratorische Absicht“ umschrieben hat, „einen ‚aktiven Raum‘ zu schaffen, der ‚zum Teil Gesellschaftszentrum, Laboratorium und Akademie‘ ist“. (Nina Möntmann, „Aufstieg und Fall des ‚New Institutionalism‘. Perspektiven einer möglichen Zukunft“, http://eipcp.net/transversal/0407/moentmann/de).

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