Museum Ludwig Blog

19. Dezember 2018

Kill the Indian, Save the Man: Siedlungskolonialismus und Dokumente der Transformation von der Carlisle Indian Industrial School

Manchmal führt eine Suche zu unerwarteten Orten und was man findet, lässt einen mit mehr Fragen als Antworten zurück. Durch Zufall stieß ich auf zwei Fotografien, die heute, als Teil des Agfa Foto-Historamas, zur Sammlung Fotografie des Museum Ludwigs gehören. Zusammengestellt vom deutschen Chemiker Erich Stenger um die Jahrhundertwende, sollte das Fotohistorama die Geschichte der Fotografie erzählen und die Fotografien waren Teil dieser Sammlung. Ich hatte diese Fotos noch nie gesehen und kannte auch keine ähnlichen. Meine Neugier war geweckt und ich machte mich auf die Suche.

Die beiden Fotografien zeigen jeweils die gleiche Gruppe von elf jungen Männern und Frauen. Im ersten Foto sehen wir sie draußen vor einem Gebäude stehend, während das zweite Bild innen aufgenommen wurde. Hier sind sie in der typischen Weise eines Studioporträts aus dem 19. Jahrhundert posiert. Jedes der beiden Fotos hat eine Inschrift und listet die Namen derjenigen auf, die abgebildet sind. Die Inschrift des ersten Fotos lautet „Chiricahua Apachen wie sie am 4. November 1886 aus Fort Marion, Florida, in Carlisle ankamen“. Das zweite Foto ist mit den Worten „Chiricahua Apachen vier Monate nach ihrer Ankunft in Carlisle“ beschriftet. Das erste Foto zeigt sie in verschmutzter und zerrissener Kleidung, einige der Jungen tragen den traditionellen Lendenschurz der Chiricahua und die meisten sind ohne Schuhe. Sie sehen erschöpft aus und ihr Blick ist eine Mischung aus Angst und Wut; sie scheinen nicht wirklich zu wissen, was sie tun sollen oder was von ihnen erwartet wird. Das zweite Foto zeigt die Gruppe in anderer, gepflegter europäischer Kleidung, ihre Haare sind geschnitten und frisiert. Sie blicken alle direkt in die Kamera, ihr Ausdruck ist leer. Nach den Wörtern „Carlisle“ und „Chiricahua Apache“ suchend, erfuhr ich, dass es sich um Fotografien einer Gruppe von Schüler*innen der Carlisle Indian Industrial School handelt, die von 1886 bis 1898 diese Schule besuchten.1 Die Fotos sind eines von mehreren „Vorher-Nachher“-Sets, die der Schulleiter, Richard Henry Pratt, von einigen Schüler*innen anfertigen ließ.

Chiricahua Apache warriors, Sierra Madre Mountains (Mexico, March 30, 1886), photo: C.S. Fly

Die Chiricahua Apachen stammen ursprünglich aus dem heutigen Arizona. Sie waren nach Fort Marion gebracht worden nachdem die Häuptlinge Chihuahua, Nana, Naiche und Mangus sich zusammen mit etwa 130 Männer, Frauen und Kinder, die das Reservat mit ihnen verlassen hatten, am 4. September 1886 der Armee der Vereinigten Staaten ergeben hatten. Die Chiricahua waren der letzte Stamm, die kapitulierten.Der gesamte Stamm, fast 500 Männer, Frauen und Kinder, verbrachten die nächsten 27 Jahre als Kriegsgefangene der Vereinigten Staaten. Zuerst in Fort Marion in St. Augustine, Florida, dann in den Mt. Vernon Barracks in Alabama und schließlich in Fort Sill, Oklahoma. Von Fort Marion aus wurden die Jugendlichen und jungen Erwachsenen der Chiricahua zur Carlisle Indian Industrial School gebracht.

Die Carlisle Indian Industrial School, oder einfach Carlisle, wurde 1879 vom pensionierten Captain Richard Henry Pratt als ein sog. „off-reservation“ Internat für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene der indigenen Völker Nordamerikas gegründet. Bis zur Schließung 1918, hatten etwa 12.000 Schüler aus allen Stämmen Nordamerikas, einschließlich Alaska, die Schule besucht und hunderte, möglicherweise tausende Fotos von der Schule, den Lehrer*innen, Schüler*innen und dem Studentenleben waren gemacht worden2

Als die Schüler*innen zum ersten Mal in Carlisle ankamen, wurde ihnen alles „indianische“ genommen; ihre Kleidung, ihr Haar, ihre Namen und ihre Sprache. Dies galt auch für die Gruppe auf den Fotos. Sie bekamen eine Schuluniform, ihre Haare wurden kurz geschnitten und sie erhielten englische Namen: Aus Se-an-il-zay wurde Clement, Eschavzey wurde zu Humphrey, Ki-ah-tel bekam den Namen Beatrice, No-ran hieß nun Samson, Pah-go-stat-um wurde zu Jeanette, Chee hieß Hugh, aus Ekarden wurde Basil, E-at-en-nah wurde Bishop genannt, Na-dah-sthil-ah war nun Margaret, Hogee hieß Ernest and Eskesejah bekam den Namen Fredik.

Die Tage in Carlisle folgten einem strengen Zeitplan. Die Disziplin war hart und körperliche Bestrafung war die Regel – Widerstand war sinnlos. Die Schüler*innen lernten im Marschierschritt zu gehen und auf dem Hof übten sie militärisches Exerzieren. Englisch war die einzige erlaubte Sprache und es war ihnen nicht verboten ihre religiösen oder kulturellen Traditionen zu praktizieren. Eine Hälfte des Tages verbrachten sie mit Unterricht im Klassenzimmer, in der anderen Hälfte lernten sie ein Handwerk. Ein großer Teil von dem was die Schule brauchte, wurde von den Schüler*innen selbst hergestellt. Sie fertigten auch verschiedene Dinge für den Verkauf an, der Gewinn ging dann an die Schule. Die Schüler*innen nahmen auch an einem so genannten „Outing-System“ teil: Sie verbrachten ihre Ferien bei Familien vor Ort, wo sie auf deren Höfen oder im Haushalt mitarbeiteten. So sollten sie Arbeitserfahrung sammeln und gleichzeitig eine „richtige“ Familie kennenlernen. Sport und Musik spielten in Carlisle eine große Rolle. Die Schulband nahm an jeder Amtseinweihung eines neuen Präsidenten seit der Gründung der Schule teil und einige der erfolgreichsten einflussreichsten Trainer und Spieler in der Geschichte des American Footballs kamen von der Carlisle Indian Industrial School.3 Krankheiten breiteten sich in Carlisle schnell aus und viele Schüler*innen wurden krank. Und weil ihr Immunsystem Krankheiten wie Tuberkulose oder Masern keinen Widerstand entgegensetzen konnte, starben viele. Die Zahl der Todesopfer war unter den Chiricahua besonders hoch. Von den der Gruppe auf den Fotos überlebten nur Se-an-il-zay (Clement), Ki-ah-tel (Beatrice), Chee (Hugh) und Pah-go-stat-um (Jeanette). Die anderen starben in Carlisle oder wurden zum Sterben nach Hause geschickt.

Die Schüler*innen hassten das strenge Schulprotokoll und litten auch stark unter der Trennung von Familie und Stammesgemeinschaft. Dennoch konnte viele der Schule auch etwas Positives abgewinnen. Schüler*innen und Eltern wussten, dass die englische Sprache sprechen und Lesen und Schreiben zu können für ihre Zukunft in der weißen Gesellschaft Amerikas unentbehrlich sein würden. Asa Daklugie, der ebenfalls zur Gruppe Chiricahua-Apachen in Carlisle gehörte, aber auf keinem der beiden Fotos ist, kam zu dem Schluss, dass „[….] einige der Dinge, die er (Pratt) von uns verlangte, nützlich waren. Es war seine Absicht, dass alle Entscheidungen zu unserem Besten sein sollten, ungeachtet unserer Abneigung gegen sie“.4 Daraus sollten wir jedoch nicht schließen, dass es in Carlisle ja doch nicht so schlecht war. Es bedeutet lediglich, dass er sich wohl mehr Gedanken über die Art und Weise gemacht, wie er seine Schule führte und mehr Aufmerksamkeit in die Wahl der Lehrer*innen und Betreuer*innen gesteckt hatte.

Das Problem solcher Schulen war nicht das Lernen an sich, sondern dass Schüler*innen dazu gezwungen wurden ihre indigene Identität aufzugeben, sondern die erzwungene Christianisierung und die subtilen Botschaften über ihre vermeintliche Unterlegenheit, die ihnen vermittelt wurden. Es war nicht unwahrscheinlich, dass Pratt und andere Lehrer*innen sich wirklich um ihre Schüler*innen sorgten und wollten, dass sie erfolgreich waren. Pratt glaubte nicht an die Überlegenheit einer Rasse über die anderen und war der festen Meinung, dass seine Schüler*innen genauso fähig waren wie alle anderen auch. Aber auch mit den besten Absichten kann man einen unglaublichen Schaden anrichten.

Off-reservation“ Internate wie Carlisle sind als Teil von Regierungsmaßnahmen nicht nur ein Beispiel für die Mechanismen des Siedlerkolonialismus, sondern müssen auch als Teil eines Systems verstanden werden, deren Ziel es ist die indigene Bevölkerung zu eliminieren. Dies geschieht nicht nur durch rohe Gewalt, sondern auch durch Zwangsassimilation oder durch kulturellen Genozid (cultural genocide). Carlisle war zwar das erste solche Internat, aber es wurde zum Modell für ein ganzes System solcher Schulen. Diese sind ein Beispiel von vielen, die uns zeigen welche Auswirkungen der Siedlungskolonialismus auf die indigene Bevölkerung als Ganzes hatte und auf den Einzelnen. Sie zeigen uns auch, wie siedlerkoloniale Strukturen zu einer Form des institutionalisierten und systemischen Rassismus wurden.

Der Siedlerkolonialismus ist eine besondere Form des Kolonialismus, der als ein kontinuierliches Ereignis, als ein Schrecken ohne Ende, beschrieben werden kann. Auch er beginnt auch er mit der Ankunft von fremden Eroberern, die gekommen sind um das Land und seine Ressourcen für sich zu nutzen. Das Ziel ist jedoch nicht nur die Ausbeutung des Landes, sondern auch durch den kontinuierlichen Ausbau seiner Siedlungen und der ständigen Aneignung von Land mit der Zeit die Bevölkerungsmehrheit zu stellen. Die indigene Bevölkerung wird zum das Hindernis da sie den Zugang zu Land und Ressourcen blockiert und muss sich daher entweder an die Siedlergesellschaft anpassen und ein Teil von ihr werden oder, wenn Widerstand entsteht, beseitigt werden. Im Laufe der Zeit wird die indigene Bevölkerung auf ihre Andersartigkeit reduziert und letztendlich aufgrund ihrer Rasse (race) ins Visier genommen: „Indigene Nordamerikaner wurden nicht getötet, vertrieben, romantisiert, assimiliert, eingezäunt, weiß gezüchtet und anderweitig als ursprüngliche Besitzer des Landes eliminiert, sondern als Indianer.“5 Die indigene Bevölkerung wird nicht nur vernichtet, vertrieben und marginalisiert um die überlegene Stellung des Siedlers zu sichern und seine dominante Position zu bestätigen, sondern auch um seine wirtschaftliche Macht zu stärken.

Wie bereits erwähnt, glaubte Pratt nicht daran, dass amerikanischen Ureinwohner*innen einer minderwertigen Rasse abstammten. Hier weicht Pratt am deutlichsten von der gängigen Haltung der Zeit ab und dies beeinflusste auch seine Vorstellung davon wie man mit dem „Indianerproblem“ in Amerika umgehen sollte. Pratt war derjenige, der den Spruch „Töte den Indianer, aber rette den Menschen“ (engl. „Kill the Indian, save the man“)6 geprägt hatte, und er lässt sich als bezeichnend für seine Mission in Carlisle verstehen. Er glaubte, dass die „wilden“ und „primitiven“ Ureinwohner*innen Amerikas ein Produkt ihrer Umgebung waren und das, sobald sie ihre „indianische Natur“ hinter sich gelassen hatten, sie mit ein wenig Hilfe und Führung in der Lage sein würden, sich vollständig in die weiße US-Gesellschaft einzufügen und sich von anderen Amerikaner*innen nicht unterscheiden würden.7

Pratt hatte bewusste darauf geachtet, dass Carlisle so weit wie möglich vom Indianer-Territorium8 und der „Wilden Westen“ entfernt war, da er glaubte seine Methoden wären effektiver wenn seine Schüler*innen keinen Kontakt zu ihren Stammesgemeinschaften hatten. Seine Methoden konzentrierten sich auf die Ausbildung und Erziehung der jüngeren Generationen. Hierzu gehörte natürlich auch die Anerkennung des Christentum, die Aneignung einer calvinistischen Arbeitsethik mit einem Hauch amerikanischem Kapitalismus, anstelle der „primitiven“ Lebensweise in den Stammesgesellschaften, deren Fokus auf der Versorgung der Gruppe als Ganzes lag und auf einem respektvollen mit dem Land und seinen Ressourcen.9 Pratt glaubte nicht, dass die indigene Bevölkerung dem amerikanischen Traum im Wege stand, sondern dass sie ein Teil davon sein könnte – nur nicht zu ihren eigenen Bedingungen. Letztendlich ist das ultimative Ziel der Siedlergruppe die Eliminierung der ursprünglichen Bevölkerung und die Ersetzung dieser mit einer neuen Siedlergesellschaft.

Die vielen Fotos, die Pratt von der Schule, den Schüler*innen und dem Schulleben machen ließ, waren für ihn der Weg zu zeigen, dass diese sogenannten „Wilden“ sich in friedliebende, gebildete und gesetzestreue Bürger verwandeln konnten. Die Fotografien waren ein sehr effektives visuelles Hilfsmittel, die er nutze um Unterstützung für seine Schule zu gewinnen. Und mit der Ankunft der Chiricahua Apachen in Carlisle hatte er sozusagen ein weiteres Ass im Ärmel.

Teil 2

[Bild: Choate, John Nicholas Gruppenbild von Chiricahua Apachen, Carlisle (Pennsylvania), 1886. © Rheinisches Bildarchiv Köln, rba_d042445]

 

 

  1. Sie waren Teil einer größeren Gruppe von Chiricahua Apachen, die zwischen dem 4. November 1886 und dem 30. April 1887 in Carlisle ankamen.
  2. Die Zahl lässt sich nur schwer schätzen, da die vielen Fotografien sich in verschiedenen öffentlichen und privaten Sammlungen befinden und es sich sicherlich auch viele Fotos in privaten Händen befinden.
  3. Die bekanntesten Beispiele sind der Spieler Jim Thorpe (Sac and Fox Nation) und der Trainer Pop Warner.
  4. Ball, p. 151
  5. Wolfe, p. 388
  6. http://historymatters.gmu.edu/d/4929/
  7. Pratt sah Internate wie Carlisle als einen notwendigen ersten Schritt in diese Richtung, aber nicht als Langzeitlösung.
  8. Das Indianer-Territorium war das Land westlich des Mississippi, heute der Staat Oklahoma. 1834 wurden hier die ersten Reservate geschaffen um die Umsiedlung der so genannten fünf zivilisierten Stämme, der Choctaw, der Seminolen, der Chickasaw, der Muskogee (Creek) und der Cherokee zu ermöglichen. Der brutale Marsch der Cherokee nach Oklahoma ist heute als „Trail of Tears“ bekannt.
  9. See Donald A. Grinde, Taking the Indian out of the Indian: U.S. Policies of Ethnocide through Education

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