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19. Juni 2019

Recommended Reading: Feminist Art Histories of the Past and the Present

Sprache hat eine wichtige Rolle in unserem Alltag aber auch in der Kunst. Wir nutzen Sprache, um miteinander zu kommunizieren, um zu beschreiben was wir sehen, wie wir uns fühlen oder um unsere Meinung oder den Glauben an etwas zum Ausdruck zu bringen. Wir nutzen Sprache natürlich auch um uns über Kunst auszutauschen, sie zu beschreiben und zu interpretieren – und manchmal wird Sprache selbst zu Kunst.

Recommended Reading stellt Texte über die Kunst des 20. Jahrhunderts vor, die thematisch an vorherige oder zukünftige Blogposts anknüpfen. Mal sind es Essays, mal sind es kunsthistorische Klassiker, aber auch andere Blogs, Romane und Comics werden vorgestellt. Sind die Texte online verfügbar, werde ich sie verlinken. Falls nicht, bin ich sicher, dass ihr die Bücher über den Buchhändler eures Vertrauens bekommen werdet.

Nancy Spero letter to Lucy R. Lippard, 1971 October 29. Lucy R. Lippard papers, 1930s-2010, bulk 1960s-1990. Archives of American Art, Smithsonian Institution.

Der erste Post zu Recommended Reading knüpft dann auch direkt an den vorherigen Post an und wendet sich Kunstkritikerinnen und Kunsthistorikerinnen zu, die dazu beigetragen haben unsere oft sehr einseitige Wahrnehmung von Kunst- und Kunstgeschichte zu verändern. Sie haben auf die vielen Künstlerinnen der Kunstgeschichte hingewiesen und deren Beiträge zur Kunst hervorgehoben.

Wie der letzte Beitrag gezeigt hat, erhielten Künstlerinnen wie Lee Krasner oder Helen Frankenthaler nicht die gleiche Anerkennung wie ihre männlichen Kollegen (und Ehemänner) und auch heute ist Sexismus in der Kunstwelt immer noch ein Thema: Männliche Künstler haben es in vielen Bereichen immer noch leichter, während Frauen in Ausstellungen, Sammlungen oder Galerien immer noch unterrepräsentiert sind. Für people of color ist die Situation noch schwieriger.1Zahlen und Fakten findet ihr hier: http://www.artnews.com/2015/05/26/taking-the-measure-of-sexism-facts-figures-and-fixes/[/enf_note]

Aber es waren nicht nur Malerinnen, wie Lee Krasner und Helen Frankenthaler, die für eine Änderung des Status quo kämpften. Kunsthistorikerinnen und Kunstkritikerinnen machten auf die mangelnde Repräsentation von Frauen in Galerien und das Fehlen ihrer Kunst an den Wänden von Museen aufmerksam und schrieben gegen die einseitige, männlich dominierte Darstellung von Kunst und Geschichte an.

Diskussionen zur mangelnden Repräsentation von Frauen in Museen oder Galerien und über ihre Rolle in der Kunst gab es schon immer, aber die Frauenbewegung der 1970er Jahre brachte diese Diskussionen in die Öffentlichkeit (der Kunstwelt). Linda Nochlin machte mit ihrem Essay Why Have There Been No Great Women Artists 1971 den Anfang. Der Aufsatz wurde zum ersten Mal in der Zeitschrift ARTNews abgedruckt, in einer Ausgabe vom Januar 1971, die der Frauenbewegung und Frauen in der Kunst gewidmet war.

In ihrem Essay argumentiert sie, dass es nicht ein Mangel an Talent sei, der Frauen davon abhalte den gleichen Erfolg und Status wie ihre männlichen Kollegen zu erreichen. Vielmehr läge dies an der Einstellung der Gesellschaft gegenüber Frauen. Das Beharren auf veralteten Geschlechterrollen, die festlegen was sich für eine Frau gehört und was nicht, sowie wie der Glaube, dass das Genie eine ausschließlich männliche Eigenschaft ist, halte Frauen zurück.

Es gab natürliche kritische Reaktionen auf Nochlins Essay. Diese kamen nicht nur von männlichen Kollegen oder eher konservativen Kolleginnen, sondern auch von Künstlerinnen, darunter Lynda Benglis, Louise Nevelson und Elaine de Kooning. ARTNews veröffentlichte eine Reihe solcher Reaktionen in derselben Ausgabe. Damit wollte ARTNews jedoch nicht Nochlins Essay und ihre Argumente diskreditieren. Auch wenn die Künstlerinnen sich kritisch äußerten, stimmten sie Nochlins Essay im Grunde zu.

Man darf und sollte die Kritik nicht einfach nur als Ablehnung verstehen. Was ihre Kritik zeigt, ist das es immer mehrere Perspektiven auf ein Problem oder einen Sachverhalt geben kann. Als Kunsthistorikerin und Professorin am Vassar College war es Nochlins Anliegen den Kanon der Kunstgeschichte in Frage zu stellen und nicht über aktuelle Geschehnisse in der Kunstszene zu sprechen. Ihr Interesse an Kunst war vor allem akademisch, während diejenigen, die auf ihren Essay reagierten, Teil der New Yorker Kunstszene waren und als Künstlerinnen in dieser Szene eine andere Sicht auf die Dinge hatten. Dies war in der Frauenbewegung allgemein nicht anders – man war nicht immer der gleichen Meinung, so wie dies heute ebenfalls oft der Fall ist. Veränderungen in der Gesellschaft oder in der Politik verändern auch unser Verständnis der Vergangenheit und führen zur Entstehung von neuen Diskursen rund um Kunst, Kultur und Geschichte. Der Feminismus der 1970er Jahre ist nicht mit dem Feminismus von heute zu vergleichen und dies gilt auch für die Kunst selbst und für unseren Blick darauf.

Ausgaben der Zeitschrift Heresies, die vom gleichnamigen Kollektiv von 1977 bis 1993 herausgegeben wurde

Nochlin bewegte sich vor allem im akademischen Diskurs, während diese Künstlerinnen versuchten, die Kunstszene direkt aufzurütteln. Sie organisierten sich z. B. in feministischen Kollektiven wie dem Heresies-Kollektiv oder gründeten Galerien, die gemeinschaftlich organisiert waren und in denen nur Frauen ausstellten, wie die A.I.R. Gallery in New York City. Das Heresies-Kollektiv gab auch eine Zeitschrift heraus, in der Künstlerinnen über Kunst, Politik und Frauen- und Lesbenrechte schrieben. Die Ausgaben waren verschiedenen Themen gewidmet, wie Ästhetik und Weiblichkeit, Feminismus und Ökologie, Frauen und Architektur oder Sex. Es gab auch Hefte, die sich mit dem Thema Rassismus in der Kunstwelt und in der Frauenbewegung auseinandersetzten oder in denen  Künstlerinnen in der sog. „Dritten Welt“ und im Zuge der antikolonialen Befreiungsbewegungen in Lateinamerika berichteten. Zu den Gründerinnen gehörten u. a. die Künstlerinnen und  Kuratorinnen Pat Steir, Joyce Kozloff, Harmony Hammond, Emma Amos, Miriam Shapiro, Ida Applebroog, Cecilia Vicuña und Lucy Lippard. Für die Zeitschrift schrieben auch Audre Lorde, Virginia Jaramillo, Howardena Pindell, Lorna Simpson, Hannah Wilke oder Judy Chicago.

In diesem Sinne findet ihr eine kurze Liste von Büchern und Aufsätzen rund um das Thema Kunst und Feminismus, von 1971 bis heute, geschrieben von feministischen Kunsthistorikerinnen, queeren Frauen und women of color. Ihre Essays und Bücher stammen aus verschiedenen Zeiten, von den 1950ern bis heute, und stellen unterschiedliche Perspektiven auf Kunst, Feminismus und Gender dar.

[Es ist euch bestimmt auch aufgefallen, dass die Bücher auf dieser Liste fast ausschließlich auf Englisch sind. Leider sind die Titel bis heute noch nicht übersetzt worden und sind somit in der Tat nicht auf Deutsch erhältlich.]

 

n.paradox journal’s 12 Step Guide to Feminist Art, Art History and Criticism is a good starting point and can be found here.
Sämtliche Ausgaben der Zeitschrift Heresies sind hier als PDF verfügbar.
Patricia Albers, Joan Mitchell: Lady Painter (Knopf, 2011)
Laura Cottingham, Seeing Through the Seventies: Essays on Feminism and Art (Psychology Press, 2000)
Cathy Curtis, A Generous Vision: The Creative Life of Elaine de Kooning (2017)
Teresa De Laurentis, Technologies of Gender: Essays on Theory, Film, and Fiction (Indiana University Press, 1987)
Mary Gabriel, Ninth Street Women: Lee Krasner, Elaine de Kooning, Grace Hartigan, Joan Mitchell, and Helen Frankenthaler: Five Painters and the Movement That Changed Modern Art (Little, Brown and Company, 2019)
bell hooks, Art on My Mind: Visual Politics (The New Press, 1995)
William Lamoy (ed.), The Journals of Grace Hartigan, 1951-55 (Syracuse University Press, 2009)
Lucy Lippard, Sweeping Exchanges (1980)
Linda Nochlin, Why Have There Been No Famous Women Artists (ARTNews, 1971)
Adrian Piper, Escape to Berlin: A Travel Memoir (APRA Foundation, 2018, DE/EN)
Adrian Piper, Out of Order, Out of Sight: Selected Writings in Art Criticism, Vol. I-II (MIT Press, both 1996)
Griselda Pollock, Vision and Difference: Feminism, Femininity and Histories of Art (Routledge, 1988)
Griselda Pollock, Differencing the Canon: Feminism and the Writing of Art’s Histories (Routledge, 1999)
Catherine Morris, Rujeko Hockley, We Wanted a Revolution: Black Radical Women, 1965-85 (Duke University Press, 2017)
[Dieses tolle Ausstellungskatalog besteht aus zwei Teilen und wurde zur Ausstellung gleichen Names im Brooklyn Museum 2017 veröffentlicht. Das erste Buch, Sourcebook beinhaltet Essays von wichtigen Künstler*innen, Autor*innen und Aktivist*innen dieser Era, u. a. Audre Lorde, Michele Wallace, Lorraine O’Grady und Gloria Anzaldúa. Das zweite Buch, New Perspectives, präsentiert neue Essays von Aruna D’Souza, Kellie Jones und Uri McMillan]
Hilary Robinson, Feminism Art Theory: An Anthology 1968 – 2014 (Wiley-Blackwell, 2015)
The White Pube (aka Gabrielle de la Puente und Zarina Muhammad)

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